Kulturausschuss
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Bericht der Ratsgruppe
Zwischen Kunstfreiheit, Zukunftspakt und dem Umzug, auf den ich mich am meisten freue: Was die Sitzung des Kulturausschusses über Essens kulturelle Zukunft sagt
Die Sitzung des Kulturausschusses am 24. Juni 2026 war lang, vielschichtig und an einigen Stellen überraschend grundsätzlich. Wer genau hingehört hat, erkennt: Es geht hier nicht nur um Fördersummen, Betriebspläne und Festivalförderung. Es geht um die Frage, was Essens kulturelle Infrastruktur wert ist und wer sie unter welchen Bedingungen trägt.
Die Volkshochschule: Bildungsgerechtigkeit, die ankommt
Den Auftakt machte der Jahresbericht der VHS Essen 2025, vorgestellt von Direktor Stephan Rinke. 28.550 Belegungen, rund 1.700 Veranstaltungen, 55.000 Unterrichtsstunden, fast 700 freiberufliche Lehrkräfte. Das sind keine Zahlen, die man einfach zur Kenntnis nimmt. Das ist ein Bildungsort, der täglich 1.200 Menschen in die Innenstadt zieht und damit auch wirtschaftlich wirkt.
Was mich an diesem Bericht beeindruckt hat: die Ehrlichkeit über Widersprüche. Die VHS beobachtet, dass Unterrichtsstunden sinken, während gleichzeitig die Zahl der Veranstaltungen steigt. Das ist kein Versagen, das ist eine Reaktion auf verändertes Nutzungsverhalten. Kurze, niedrigschwellige Formate werden stärker nachgefragt. Dieser Entwicklung begegnet die VHS –> klug.
Besonders am Herzen liegt mir das, was Rinke zum Schulabschlussbereich gesagt hat: Die Zielgruppe hat sich fundamental verändert. Nicht mehr der Geselle, der seinen Meister machen will. Heute kommen immer mehr Menschen, die traumatisiert sind, mit Fluchterfahrung, ohne die Grundvoraussetzungen, die das Regelschulsystem voraussetzt. Die VHS rettet, was das Schulsystem nicht schafft. Das verdient mehr als Applaus.
Im Ausschuss wurde nach der anonymisierten Datenauswertung gefragt: Wie entwickelt sich die Nutzerinnenstruktur? Welche Stadtteile erreichen wir, welche nicht? Hier steckt echtes Potenzial für evidenzbasierte Weiterentwicklung, und das sollte nicht am Datenschutz scheitern, sondern klug gelöst werden, in Zusammenarbeit mit dem Amt für Statistik. Ich werde das weiterverfolgen.
Für den Herbst plant die VHS das Semesterthema „Weniger Ungleichheiten".
Was mich trotzdem beschäftigt: Die Honorarfrage für freiberufliche Kursleitende ist nach wie vor ungelöst. Das Herrenberg-Urteil des Bundessozialgerichts stellt die bisherige Praxis vieler Volkshochschulen vor erhebliche Herausforderungen. Ein Referentenentwurf für eine gesetzliche Lösung wurde zurückgezogen. Wenn hier nichts passiert, ist das keine Kleinigkeit, sondern eine systemische Bedrohung für kommunale Weiterbildung. Volt wird das auf Bundes- und Landesebene im Blick behalten.
Theater und Philharmonie: Szenario 1 ist richtig, aber reicht nicht
Die aufwendigste und politisch wichtigste Vorlage dieser Sitzung war die Zukunftsentscheidung über die Theater und Philharmonie Essen GmbH. Die Beratungsgesellschaft actori hat über fünf Monate drei Szenarien entwickelt. Die Empfehlung: Szenario 1, schrittweise Optimierungen bei Erhalt aller fünf Sparten, kein drastischer Stellenabbau, kein künstlerischer Kahlschlag.
Der Erhalt aller fünf Sparten, Musiktheater, Ballett, Schauspiel, Philharmoniker, Aalto, ist das kulturpolitisch Signal. Szenarien 2 und 3 hätten tiefe Wunden hinterlassen: massiven Stellenabbau, betriebsbedingte Kündigungen, einen spürbaren Qualitätsverlust, der eine Institution beschädigt, die für die kulturelle Identität dieser Stadt unverzichtbar ist oder doch? Wer wurde hier eigendlich gefragt?
Die actori-Analyse zeigt strukturelle Schwächen, die unabhängig vom gewählten Szenario angegangen werden müssen: fehlende gemeinsame Vision, starre Abonnementstrukturen, ein Publikum, das 12 Prozent unter Vorpandemie-Niveau liegt und zu wenig junge Menschen sowie Menschen mit Einwanderungsgeschichte umfasst, und ein Eigenfinanzierungsgrad, der im Benchmark klar verbesserungswürdig ist. Diese qualitativen Optimierungspotenziale müssen Geschäftsführung und Intendanzen jetzt angehen, nicht irgendwann.
Der Zukunftspakt Bühne, der nun erarbeitet werden soll, muss klare, messbare Ziele enthalten. Was wird bis wann erreicht? Welche Meilensteine gelten als Erfolg? Ohne diese Konkretisierung bleibt der Beschluss ein Versprechen ohne Überprüfung. Und eines ist absehbar: Der Zuschussbedarf wird auch nach 2031 wieder steigen, weil Tarifsteigerungen keine Ausnahme sind. Eine Dynamisierung des Zuschusses ist strukturell unvermeidbar. Lieber jetzt offen darüber reden, als in fünf Jahren wieder von vorne anfangen.
Die Vorlage kam außerdem kurzfristig, am Vortag, in die Beratung. Das ist keine Grundlage für fundierte Fraktionsdiskussionen. Das sollte die Ausnahme bleiben, nicht die Regel.
Kunstfreiheit ist kein Neutralitätsproblem: Die AfD-Anfrage
Zu Beginn der Sitzung gab es eine kurze, aber wichtige Auseinandersetzung: Die AfD-Fraktion hatte eine umfangreiche Anfrage zu den Essener Schultheatertagen 2026 eingereicht, konkret zu einem Stück des Burggymnasiums, das sich mit der AfD und ihren steigenden Umfragewerten auseinandersetzt. Die Frage, ob das mit dem Beutelsbacher Konsens vereinbar sei, war dabei der erklärte Aufhänger.
Der Vorsitzende wollte die Anfrage zunächst als Antrag werten, weil ihr Umfang und Aufwand den Rahmen einer regulären Anfrage sprengen. Das ist formal nicht unrichtig, aber der Versuch, die Anfrage inhaltlich abzubügeln, wäre der falsche Weg gewesen. Letztlich wurde sie als Anfrage behandelt und zurück gezogen und wird nun von der AfD anders behandelt, die Frage ist nur wie?
Was ich dazu sagen will: Wer sich mit Shakespeare befasst, liest Krieg. Wer Schiller liest, liest Gewalt. Wer Sophokles liest, liest Hochkonflikt. Das ist kein Argument gegen Kulturförderung, das ist das Wesen von Kultur seit Jahrtausenden.
Kulturförderung ist nicht Neutralitätsförderung. Qualität und fachkundige Jurybewertung sind die Maßstäbe, keine politische Ausgewogenheit nach Fraktionsproporz. Kunstfreiheit ist Verfassungsrecht und das ist kein Zufall.
Pfingst Open Air: Kultur für alle, auch wenn es regnet
Das Pfingst Open Air Essen (POA) wurde für drei weitere Jahre gesichert, 350.000 Euro pro Jahr, 2027 bis 2029. Ich freue mich darüber. Ein eintrittsfreies Festival mit Familienangeboten, Newcomer-Bühne und 18.000 Besucherinnen im Jahr 2026 ist genau das, was kommunale Kulturförderung leisten soll: Teilhabe, die nicht am Geldbeutel hängt.
Die AfD hat die Vorlage abgelehnt, mit Verweis auf die Haushaltslage. Das ist eine Position. Meine Position ist eine andere: 350.000 Euro für ein niedrigschwelliges, inklusives Festival mit jahrzehntelanger Geschichte, das ohne öffentliche Förderung nicht existieren kann, ist kein Luxus.
Trotzdem müssen wir uns die Frage stellen:Wie kann das Festival weiterentwickelt werden? Ein zweiter Festivaltag, mehr Sponsoringmöglichkeiten, bessere ÖPNV-Anbindung.
Manifesta 16 Ruhr: Europäische Kunstpolitik, lokal verankert
Der Ausschuss hat die Gewährung einer Zuwendung von 50.000 Euro für die Manifesta 16 Ruhr beschlossen. Die Europäische Nomadische Biennale, die noch bis Oktober 2026 in Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen läuft, nutzt leerstehende Kirchengebäude als Räume für Kunst, Dialog und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Das ist genau das Format, das ich unterstütze: europäisch vernetzt, lokal verankert, partizipativ. Drei Essener Kirchen, St. Gertrud, Markuskirche, St. Marien in Karnap, werden zu Ausstellungsorten. Die Zusammenarbeit mit Schulen, Nachbarschaften und Communities ist fester Bestandteil des Konzepts.
Allerding wurde Zugesagt, dass die Finanzierung nicht auf den Kosten der Stand liegt und nun kommt trotzdem ein Antrag für die Finazierung, ohne konkreten Ansatz oder Hinweis wofür das Geld benötigt wird, erst auf Nachfragen heißt es für den kostenlosen Eintritt. Die Frage bleibt offen, in wie weit sich auch die anderen Städte finanziel beteiligen? Ich habe mich enthaöten, da mir dieser Vorgang sehr unschlüssig ist.
Projektförderung freier Träger: 38 Projekte, zu wenig Geld
Der Kulturbeirat hat empfohlen, 38 von 82 eingereichten Projekten für das 2. Halbjahr 2026 zu fördern, mit einer Gesamtsumme von 199.696 Euro. 44 Projekte wurden abgelehnt, viele davon aus inhaltlichen Gründen, nicht nur formalen. Das Budget ist schlicht nicht ausreichend für das, was die freie Szene in Essen leistet.
Was ich in der Sitzung angemerkt habe und aufrechterhalte: Die abgelehnten Projekte verdienen Transparenz. Warum wurde abgelehnt? Welche inhaltlichen Kriterien haben den Ausschlag gegeben? Das ist keine Kritik an der Jury, sondern eine Forderung nach nachvollziehbarer Kulturförderung.
Ich bleibe dran.
Deine Mandy Hindenburg
Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm Founder I Vorständin der vilaron Stiftung Founder I Vorständin vom BPW eClub Founder I GF von Mach mit! Essen gUG
Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.