Fünf Sparten, ein Pakt und viele offene Fragen
Was der Beschluss zur Theater und Philharmonie Essen jetzt braucht
Der Kulturausschuss hat am 24. Juni beraten, Szenario 1 des actori-Gutachtens zur Theater und Philharmonie Essen GmbH umzusetzen. Der Rat entscheidet am 8. Juli. Das ist eine gute Nachricht, im Grundsatz.
Fünf Sparten bleiben erhalten. Es gibt keinen Kahlschlag, keine betriebsbedingten Kündigungen, keinen erzwungenen Abschied vom Schauspiel oder vom Ballett. Für eine Institution, die seit Jahrzehnten zum kulturellen Kern dieser Stadt gehört, ist das ein wichtiges Signal.
Aber ein Signal ist kein Plan. Und genau hier beginnen die Fragen, die ich stellen möchte, nicht um den Beschluss zu untergraben, sondern weil ich möchte, dass er gelingt.
Was beschlossen wurde, kurz zusammengefasst
Die Beratungsgesellschaft actori hat über fünf Monate die Lage der TuP analysiert: Interviews, Benchmarks, Finanzdaten, drei Zukunftsszenarien. Das Ergebnis ist ernüchternd klar: Ohne Veränderungen wächst das jährliche Defizit bis 2031 auf rund 16,5 Millionen Euro. Szenario 1 reduziert diesen Wert durch schrittweise Optimierungen, mehr Vorstellungen, höhere Auslastung, besseres Ticketing, Sponsoring, moderater Personalabbau. Der verbleibende Zuschussbedarf liegt dann bei 68,3 Millionen Euro jährlich, immer noch rund 10 Millionen mehr als der aktuelle Haushaltsansatz.
Hinzu kommt eine mögliche einmalige Kapitaleinlage von bis zu 5 Millionen Euro aus dem Haushalt 2027, falls die laufende Spielzeit ein entsprechendes Defizit hinterlässt.
Der Zukunftspakt Bühne, der all das rahmen und mit konkreten Zielen unterlegen soll, ist noch nicht erarbeitet. Er soll es werden, nach dem Ratsbeschluss.
Wo ich Fragen habe
Wer definiert, was Erfolg bedeutet?
Das actori-Gutachten ist präzise in der Diagnose. Es benennt fehlende Führungsstrukturen, unklare Zuständigkeiten zwischen Geschäftsführung und Intendanzen, starre Abonnementmodelle, ein Publikum, das 12 Prozent unter Vorpandemie-Niveau liegt, und einen Eigenfinanzierungsgrad, der im Städtevergleich Luft nach oben hat.
Was fehlt, sind verbindliche Zielgrößen: Welche Auslastungsquote wird bis wann angestrebt? Welche neuen Zielgruppen sollen in welchem Umfang erreicht werden? Was gilt als messbarer Fortschritt bei der strategischen Neuausrichtung?
Ohne diese Konkretisierung besteht das Risiko, dass der Zukunftspakt gut klingt, aber schwer überprüfbar bleibt. Das wäre für alle Beteiligten unbefriedigend, für die Institution, für die Politik und für die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler.
Wann kommen die Ziele, vor oder nach dem Geld?
Das ist keine Frage des Misstrauens, sondern eine Frage guten Projektmanagements. In jedem anderen geförderten Projekt, ob Stadtentwicklung, Forschung oder freie Kulturförderung, werden Mittel an Meilensteine geknüpft. Das schützt alle Seiten: die Fördermittelgeber vor unverbindlicher Verwendung und die Empfänger vor dem Vorwurf, die Mittel nicht zielgerichtet eingesetzt zu haben.
Für den Zukunftspakt Bühne würde ich mir wünschen, dass diese Verknüpfung von Beginn an mitgedacht wird. Nicht als Druckmittel, sondern als strukturelles Qualitätsmerkmal.
Wie werden die Akteure in diesem Prozess zusammengeführt?
Das Gutachten beschreibt ein Führungsvakuum, unzureichend koordinierte spartenübergreifende Zusammenarbeit und Informationsflüsse, die überwiegend reaktiv funktionieren. Das sind keine technischen Probleme. Das sind menschliche Dynamiken, die sich durch Beschlüsse allein nicht lösen lassen.
Wenn verschiedene Akteure, Geschäftsführung, Intendanzen, Betriebsrat, Verwaltung, Politik, mit sehr unterschiedlichen Perspektiven und teils jahrelang gewachsenen Positionen an einem Tisch sitzen, braucht es mehr als guten Willen. Eine neutrale Prozessbegleitung oder Mediation wäre hier keine Schwäche, sondern eine kluge Investition in den Erfolg des gesamten Vorhabens.
Was ich mir für den Zukunftspakt wünsche
Ich glaube, dieser Prozess kann gelingen. Aber dafür braucht er aus meiner Sicht drei Dinge:
Messbare Ziele von Anfang an. Nicht Absichtserklärungen, sondern konkrete Kennzahlen: Auslastung, Eigenfinanzierungsgrad, Publikumsstruktur, Anzahl neuer Formate für junge oder bisher nicht erreichte Zielgruppen. Was gemessen wird, kann gesteuert werden und was gesteuert werden kann, kann verbessert werden.
Eine klare Zeitlinie mit Zwischenbilanz. Der Zukunftspakt läuft bis 2031. Das ist lang. Ich würde mir mindestens eine strukturierte Halbzeitbilanz wünschen, die dem Kulturausschuss vorgelegt wird, nicht als Kontrolle, sondern als gemeinsames Lernen. Wenn Maßnahmen nicht greifen, will man das nach zwei Jahren wissen, nicht nach fünf.
Externe Begleitung mit klarem Auftrag. actori hat die Analyse geliefert. Die Umsetzungsbegleitung, die das Gutachten empfiehlt, sollte nicht nur technisch-finanziell sein. Sie sollte auch die organisatorische und menschliche Dimension im Blick haben. Ein Prozess, der auf dem Papier stimmt, aber in der Praxis an internen Konflikten scheitert, kostet am Ende mehr als eine gute Begleitung von Anfang an.
Die größere Frage, die wir nicht aus dem Blick verlieren sollten
Die TuP ist ein Aushängeschild, ja das stimmt. Und es ist auch richtig, dass eine Stadt von Essens Größe ein Mehrspartenhaus dieser Qualität trägt und weiterentwickelt.
Aber es ist auch eine Frage der Ehrlichkeit, diesen erhöhten Aufwand im Kontext der gesamten Kulturlandschaft zu sehen. Im gleichen Ausschuss wurden 44 von 82 Förderanträgen der freien Szene abgelehnt, nicht weil die Projekte schlecht waren, sondern weil das verfügbare Budget bei knapp 200.000 Euro liegt.
Das ist kein Argument gegen die Förderung der TuP. Es ist ein Argument dafür, beide Fragen gemeinsam zu denken: Wie stärken wir die institutionelle Kulturinfrastruktur und wie sorgen wir gleichzeitig dafür, dass auch die freie Szene, die Vielfalt und Experiment in diese Stadt bringt, nicht dauerhaft unter Druck steht?
Mein Fazit
Szenario 1 kann der richtige Rahmen sein, wenn er richtig umgesetzt wird.
Was ich mir für die Umsetzung wünsche, ist schlicht das, was jedes gut geführte Projekt braucht: klare Ziele, nachvollziehbare Kriterien, eine faire Zwischenbilanz und die Bereitschaft aller Beteiligten, sich wirklich auf Veränderung einzulassen.
Die Theater und Philharmonie Essen hat das Potenzial, sich zu erneuern. Die Frage ist, ob wir als Stadt den Rahmen schaffen, der das ermöglicht, nicht trotz unserer Erwartungen, sondern wegen ihnen.
Deine Mandy Hindenburg
Stadträtin für Volt Essen, Ratsgruppe Volt & Die PARTEI City Lead für Partnership & Kommunikation für Volt Team Essen Geschäftsführerin bei Die Life & Food Farm Founder I Vorständin der vilaron Stiftung Founder I Vorständin vom BPW eClub Founder I GF von Mach mit! Essen gUG
Ich entwickle und führe nachhaltige Strukturen für gesunde Ernährung, Klimaverantwortung und gesellschaftliche Teilhabe.
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